KLEINES KRIEGSENKEL*INNEN-GLOSSAR

kriegskinder.
trauma. & co.

Kriegskinder

Kriegskinder sind zwischen 1930 und 1946 geboren. 1946 zählt deswegen dazu, weil die Prägungen im Mutterleib bereits schwere Auswirkungen haben konnten.

Kriegsenkel*innen

Wenn mindestens ein Elternteil als Kind im 2. Weltkrieg von Flucht, Vertreibung, Bomben, Hunger und Verlust betroffen war, dann gehörst du zur Generation der Kriegsenkel. Kriegsenkel*innen sind die Kinder der Kriegskinder und ca. 1955-1975 geboren. Der Begriff bezieht sich also nicht primär auf den Krieg, sondern auf ein Verwandtschaftsverhältnis. 

Kriegsurenkel*innen

Kriegsurenkel*innen sind diejenigen, deren Großeltern im zweiten Weltkrieg Kinder waren. Sie sind also die Enkel der Kriegskinder und die Kinder der Kriegsenkel*innen.
Trauma

Ein psychisches Trauma wird immer durch ein überwältigendes, als lebensbedrohlich empfundenes Ereignis ausgelöst. Der Körper schaltet sofort auf den archaischen Modus und reagiert – quasi instinktiv – mit Kampf, Flucht oder Erstarrung.

Wird dieses Erleben unmittelbar danach von einem liebevollen Umfeld gut aufgefangen, muss es nicht zwingend zu bleibenden Traumafolgen kommen. Aber genau das war und ist in Kriegszeiten nicht möglich.
Kriegstrauma

Von Kriegstrauma spricht man, wenn die schweren kriegsbedingten Erlebnisse nicht verarbeitet werden konnten. Die Erwachsenen mussten selbst ums Überleben kämpfen. Da blieb keine Zeit, die Kinder emotional zu versorgen. So haben die Kinder von damals die Gefühle von Überwältigung, Todesangst und Ohnmacht für viele, viele Jahrzehnte abgespalten.

Wenn du wissen möchtest, ob du das Kriegstrauma deiner Eltern geerbst hast, dann kann dir dieser Fragebogen Hinweise geben.

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Sie wird als PTBS abgekürzt und meint eine zeitverzögerte Reaktion auf ein als traumatisch erlebtes Ereignis. Das bedeutet, dass es im Extremfall erst Jahrzehnte später zu Störungen kommen kann oder aber erst dann ein Zusammenhang hergestellt wird zwischen dem Erleben von damals und den psychischen Auswirkungen von heute.

Konzentrationsschwäche, Schlafstörungen, hohe Schreckhaftigkeit, Übererregtheit u.v.m. können die Symptome sein. Ebenso sind aber auch Emotions- und Antriebslosigkeit ein Indikator. Das Risiko, an einer PTBS zu erkranken, ist bei durch Menschen hervorgerufenen Traumatisierungen besonders hoch. Dazu zählen auch Kriegstraumata.

Nachkriegskinder

Zu ihnen zählt man die Geburtsjahrgänge von 1947 bis Ende der 50er Jahre. Ihre Kindheit war geprägt von den Entbehrungen der Nachkriegszeit.

Ihre Jugend spielte sich ab zwischen Wirtschaftswunder und Neuanfang auf der einen Seite und kriegsbelastetem Elternhaus auf der anderen. Viele von ihnen rechnen ab mit ihren Eltern, die als Erwachsene den Krieg mitgemacht haben – die Väter zumeist als aktive Kriegsteilnehmer.

Sie stellen Fragen nach deren Verantwortung im Nazi-Deutschland und prangern die Nicht-Aufarbeitung des Nationalsozialismus an.

Pflicht und Gehorsam, Ehre und Vaterlandsliebe haben für sie ausgedient. Im Gegensatz zu den später geborenen Kriegsenkel*innen sind sie eine politische Generation, die sich in der sogenannten 68er-Bewegung engagiert: für neue Werte wie Gleichheit, Mitbestimmung und soziale Gerechtigkeit.

Entwicklungstrauma

Entwicklungstrauma ist das klassische Kriegsenkel-Trauma.

Für eine gesunde Gehirn- und damit Persönlichkeitsentwicklung ist es besonders in unseren ersten drei Lebensjahren zwingend notwendig, dass wir einen Menschen haben, der uns und die Welt für uns spiegelt. In der Regel ist das unsere Mutter.

Traumatisierte Mütter sind aber nicht in der Lage, dies ausreichend gut zu tun. Das führt zu einer frühen Fehlsteuerung in unserem Nervensystem, die sich in Traumafolgeerscheinungen äußert.

Zum Beispiel, dass wir uns in unserem Körper nicht wohl fühlen, dass wir die Welt als bedrohlich wahrnehmen, uns auch in Gesellschaft einsam fühlen.
Kriegsenkel erben das Trauma der Kriegskinder
Transgenerationale Weitergabe von Traumata

Unter transgenerationaler Weitergabe von Traumata versteht man das unbewusste Weiterreichen eines nicht verarbeiteten seelischen Traumas an die nachfolgende Generation.

Dies kann auf zweierlei Art geschehen:

  • durch das unbewusste Verhalten der Eltern
  • durch Vererbung

Im zweiten Fall spricht man von Epigenetik.

Epigenetik

Epigenetik ist als Teilbereich der Biologie eine neue Disziplin innerhalb der Genetik. Sie befasst sich mit codierten Informationen, die zusätzlich zur DNA die Aktivität der Gene bestimmen. Man spricht von der Epigenetik auch als „molekulares Gedächtnis für Umwelteinflüsse“. So kann sich auch ein Trauma auf die Genregulation auswirken und weitervererbt werden.

Parentifizierung

Mit Parentifizierung bezeichnet man in der Psychologie die Umkehrung der Rollen im Eltern-Kind-Verhältnis. Auch dies gehört zu den klassischen Kriegsenkel-Symptomen.

Schon sehr früh haben die Kinder der Kriegskinder dafür gesorgt, dass es ihren Eltern (meist der Mutter) gut ging. Nur so war gewährleistet, dass es auch ihnen gut ging. Aus evolutionärer Sicht hat es das Überleben des Kindes gesichert. Es war also damals eine sinnvolle Strategie.

Viele Kriegsenkel*innen können sich nur schwer aus dieser Rolle lösen. Sie engagieren sich stark ehrenamtlich. Und ergreifen nicht selten helfende Berufe. Denn: eine hohe Emapthiefähigkeit zählt zu ihren großen Stärken.