Was dich erwartet

Biografisches Schreiben: 3 typische Motive, um damit zu starten

1. Du willst Erlebtes festhalten

Irgendwann im Leben kommt die Zeit, wenn du zurückblickst und dich fragst:
  • Wie bin ich der oder die geworden, der/die ich heute bin?
  • Was hat mich geprägt?
  • Was war wichtig in meinem Leben?
  • Welche Menschen, welche persönlichen und zeitgeschichtlichen Ereignisse hatten Einfluss auf meine Entwicklung?
  • Was möchte ich weitergeben von meinen Erfahrungen und Erlebnissen? An meine Freunde, meine Kinder oder meine Enkel.
  • Oder ganz schlicht: Was will ich für mich schwarz auf weiß bewahren? Anders als Fotos transportieren Worte viel deutlicher unsere Gefühle.

2. Du möchtest eine schwierige Situation verarbeiten

Auch, wenn du noch nicht weißt, wohin dich alles führt: Im Schreiben klärt sich so manches. Mit all den Tipps, die ich dir nachher vorstelle, bekommt dein Inneres freie Bahn. Wenn du Glück hast, präsentiert es dir Ideen, neue Sichtweisen oder gar Lösungen, an die du bisher noch nicht gedacht hattest.

3. Du hast Freude am Schreiben

Das ist so ein simpler und schöner Grund – was liegt da näher als über dein eigenes Leben zu schreiben? Und mit ein paar kreativen Methoden werden deine Texte noch lebendiger.

Was geschieht mit dir beim biografischen Schreiben?

Du tauchst ein in die Vergangenheit

Du rufst alte, fast vergessen geglaubte Erinnerungen wach, fühlst dich hinein in den Menschen, der du damals warst. Und staunst, was da alles ans Licht kommt.

Du spürst deine Lebendigkeit

Während des Schreibens sind viele Sinne aktiv. Es ist ein körperlich-seelischer Prozess. Ganz unerwartet wirst du berührt von deinen eigenen Worten: Du schmunzelst in Erinnerung an einen wilden Jugendstreich. Du weinst, weil du Sehnsucht empfindest nach der vergangenen Welt deiner Kindertage – mit dem Pfannkuchenduft in Omas wohlig warmer Küche. Du spürst noch einmal die Aufregung von damals als du zum allerersten Mal allein in der Provence warst und scheinbar niemand dein Französisch verstand. Oder du bist froh, dass die Vergangenheit vergangen ist. Und empfindest Dankbarkeit, im Hier und Heute zu leben.

Perspektivwechsel

Du schaust mit dem Blick von heute auf deine Erlebnisse von früher. Das kann sehr heilsam sein. Denn inzwischen weißt du so viel mehr als damals. Du kannst die Situationen objektiver betrachten, nämlich aus der Erwachsenenperspektive.

Der Künstler in dir erwacht

Wenn du schreibst, bist du kreativ. Du schaffst etwas Bleibendes. Du kannst dich ausprobieren, mit Worten jonglieren, die Buchstaben tanzen lassen, neue Worte erfinden. Alles ist erlaubt. Wenn du bisher immer nur Geschichten geschrieben hast, dann versuchst du es jetzt mal mit Poesie. Warum nicht?

Biografisches Schreiben macht glücklich

Es ist Zeit nur für dich. Beim Schreiben findest du die Ruhe, die es sonst nur noch selten gibt. Du bist stolz, denn die Texte sind deiner eigenen Feder entsprungen. Vielleicht freuen sich deine Freunde, wenn du sie zum Geburtstag mit einer Anekdote aus eurer gemeinsamen Jugend überraschst?

7 Tipps, die dir den Einstieg ins biografische Schreiben erleichtern

1. Zutritt verboten!

biografisches Schreiben - währenddessen ist der Zutritt verboten

Sorge für Ruhe

  • Handy auf Flugmodus schalten. Aber halte es bereit, denn du brauchst den Timer.
  • Lass den Postboten klingeln und die Post beim Nachbarn abgeben.
  • Schreibe am besten, wenn du allein in der Wohnung bist. Oder verkünde deinen Mitbewohnern: Zutritt verboten – ich schreibe! Na klar gucken die da erst mal komisch und finden dich speziell. Aber was soll’s – du willst ja schließlich Ergebnisse.
Mach es dir schön

Wähle deinen Schreibplatz ganz bewusst. Du solltest gut und bequem sitzen. An einem Platz, an dem du dich wohlfühlst. Vielleicht mit Blick in den Garten. Oder auf einen Blumenstrauß. Wenn du abends schreibst: Zünde eine Kerze an – fürs Gemüt. Gutes Licht ist wichtig – wenn du Rechtshänder bist, sollte es von links kommen. Nun noch das Handwerkszeug: Zettel und Stift. Nimm einen Stift, der gut in der Hand liegt, den du magst. Wähle für den Anfang einfach lose Blätter, die du nur einseitig beschreibst. Ob liniert, kariert, gepunktet oder blanko – das entscheidest du. Du wirst schnell merken, was da für dich am besten passt. Wenn du dann wirklich dranbleibst, kannst du deine Zettel in ein Heft oder Notizbuch einkleben.

Alles bereit?

Bist du satt? Nichts ist blöder als wenn dein Magen zwischen den Zeilen rumknurrt. Wenn du länger als 30 Minuten schreiben willst: Stell dir ein Schälchen mit Nüssen und ein großes Glas Wasser auf den Tisch. Oder eine Kanne mit deinem Lieblingstee. Biografisches Schreiben kann ein mentaler Marathon sein. Körper und Seele vollbringen Höchstleistungen und müssen mit Energie versorgt werden, damit du im (Schreib-)Fluss bleibst. Dazu braucht es primär Flüssigkeit.

2. Überfordere dich nicht

Stell dir den Wecker

Es ist klug, mit einer überschaubaren Zeitspanne zu beginnen. Zum Beispiel zehn Minuten. Oder stell den Wecker zu Beginn nur auf vier. Das nennt man dann eine Miniatur. Ich begrenze meine Schreibzeiten immer. Wirklich immer. Und wenn ich mal so richtig im Flow bin, stelle ich den Timer einfach nochmal. Du glaubst gar nicht, wieviel du in nur vier Minuten aufs Papier zaubern kannst. Oder wie lang dir vier Minuten erscheinen können, wenn du schon nach zwei Minuten nicht mehr weißt, was du noch schreiben sollst. Das nennt man dann eine Schreibblockade. Aber keine Sorge: auch dafür gibt’s hier Tipps.

Eine Themenliste hilft
Häng dir einen Zettel an die Pinnwand, auf dem du Ideen notierst. Hier ein paar Beispiele:

  • Papas 50. Geburtstag
  • Mein Lieblingskinderbuch
  • Mein Bruder und ich
  • Unsere langweiligen Familientreffen in den 70ern
  • TV-Helden meiner Kindheit
  • Die Frisur meiner Mutter
  • Reiterferien mit Steffi
  • Großmutters Küche
  • Mein Jugendzimmer
  • Mein erster Schultag
  • Familienstreit am Heiligabend
  • Oskar, mein Goldhamster

und so weiter …
Biografisches Schreiben mit der Hand - du bewegst 30 Muskeln und 17 Gelenke

3. Schreibe mit der Hand!

Körper bewegt Geist

Wusstest du, dass du beim Schreiben mit der Hand mehr als 30 Muskeln bewegst und 17 deiner Gelenke im Team arbeiten? Wahnsinn, oder? Dieses feinmotorische Fitnessprogramm trainiert auch deinen Geist: Denn du aktivierst dabei gleichzeitig 12 unterschiedliche Regionen deines Gehirns. Damit stärken wir nicht nur unser Denken und unsere Wahrnehmung, sondern beugen auch Alzheimer vor. Außerdem hat eine Washingtoner Studie belegt, dass handgeschriebene Texte deutlich kreativer sind als getippte. Noch Fragen?

4. Sei genau!

Schreibe so konkret wie möglich

Wenn ich lese: Ein Stück Kuchen – dann geht mein Gehirn erstmal auf die Suche: Ein Stück Kuchen… Käsekuchen, Zitronenkuchen, Marmorkuchen? Irgendwie sehr vage, dieser Kuchen. Er kann alles sein, sogar alt und trocken. Wenn ich hingegen lese: Sabines saftige Quarkschnitte mit reichlich Aprikosenstückchen… hmm, da läuft mir doch gleich das Wasser im Mund zusammen, oder? Was immer du schreibst: Sei konkret. BE-schreibe! Male ein Bild mit Worten. Und zwar so, dass ein Regisseur genau weiß, was er zu filmen hat. Das macht deine Texte sofort viel lebendiger.

5. Starte mit der Königsdisziplin

SOP – Schreiben ohne Pause: 3 Regeln und warum du dich dran halten solltest
  1. Schreiben, schreiben, schreiben!
    Wähle eine Überschrift aus deiner Themenliste, stell dir den Wecker auf 10 Minuten und beginne SOFORT zu schreiben – egal, was dir zu dieser Überschrift gerade in den Sinn kommt: schreib’s einfach hin! Und dann schreibe ohne Unterlass. Selbst, wenn du nicht weiterweißt, hörst du NICHT auf zu schreiben. Wie du das machst, erfährst du noch. Nimm den Stift erst vom Papier, wenn der Wecker klingelt, keine Sekunde vorher.

  2. Nicht nachdenken!
    Das ist die wichtigste Regel für alle, die einen kleinen Kritiker auf der Schulter sitzen haben. Den schickst du direkt in den Urlaub! Sonst quatscht er dir nur rein: „Das kannst du doch so nicht schreiben, das ist total langweilig, schreib was anderes, dein Stil ist ’ne Katastrophe, hat schon dein Deutschlehrer immer gesagt, mach erstmal ’ne Gliederung, sonst verfehlst du noch das Thema.“ NEIN. NEIN. NEIN. Hier wird nicht rumgemeckert, hier wird nicht nachgedacht, hier wird geschrieben. Das geht ganz von selbst, dazu brauchst du deinen Kopf gar nicht. Du glaubst mir nicht? Probier es aus: Einfach vorwärts schreiben ohne nachzudenken. Vertraue dem, was da aufs Papier will. Du wirst dich wundern.

  3. Nicht kontrollieren!
    Konrad Kontrolletti, der kleine Bruder vom Schulterhocker. Schick die beiden zusammen in den Urlaub. Ob du in drei Sätzen hintereinander das gleiche Verb benutzt hast oder ob DAS hier mit einem oder zwei S geschrieben wird – spielt jetzt keine Rolle. Gar keine. Dafür nimmst du dir später Zeit. Vielleicht. Jetzt wird vorwärts geschrieben, nicht kontrolliert. Verstanden?
Warum dran halten?

Ganz einfach: Weil du scharf bist auf die Belohnung. Und die heißt: Du hältst einen flüssig geschriebenen Text in der Hand. Und oft überrascht er dich. Denn während dein Kopf damit beschäftigt war, brav die 3 Regeln zu befolgen, hatte der Rest freie Bahn. Aus deinen Tiefen konnten längst vergessen geglaubte Erinnerungen aufsteigen, du liest deine Zeilen und sie lassen dich lächeln. Oder rühren dich zu Tränen. Auch das kommt vor. Wie schön!

Hilfe, ich weiß nicht, was ich schreiben soll! Oder: Das Elend mit der Schreibblockade

Du weißt nicht weiter, obwohl der Timer noch nicht geklingelt hat? Kein Problem, dann schreibst du genau das hin: Jetzt weiß ich nicht weiter. Mir fällt nichts mehr ein. Mein Kopf ist leer. Wie war nochmal das Thema? Ach ja. Doch, da fällt mir noch etwas ein… Siehst du? Schon geht’s weiter. Wie gut, dass du vorher deinen inneren Kritiker in den Urlaub geschickt hattest. Und jetzt den Text nicht frustriert abgebrochen hast. Herzlichen Glückwunsch!
Randnotiz: Mit der Zeit werden die Schreib-Stockungen immer seltener. Einfach dranbleiben am Schreiben ohne Pause.

6. Verdichte deinen Text: 2 Alternativen

Der Dreizeiler

Dein Text ist fertig. Nun kannst du noch eine Essenz herausarbeiten. Das geht so: Du unterstreichst alle dir wichtig erscheinenden Worte, Satzfragmente oder kurzen Sätze. Du schreibst sie raus. Im nächsten Schritt streichst du alle überflüssigen Worte wie Füllwörter oder Sinn-Wiederholungen. Am Ende verdichtest du alles zu drei kurzen, knappen Sätzen. Ohne Nebensätze. Deine drei Zeilen können auch neu formuliert sein – vielleicht unter Verwendung einiger Worte deiner ersten groben Essenz. Schreibe nun den Dreizeiler mit ein bisschen Abstand unter deinen Text. Das rundet ihn ab. Wie ein Fazit.

Das Elfchen
Oder du fasst deinen Text in einem Elfchen zusammen. Das ist eine kleine Gedichtform aus nur 11 Worten, die sich auf 5 Zeilen verteilen. Und zwar beginnend mit 1 Wort in Zeile 1, aufsteigend zu 4 Worten in Zeile 4. In der letzten Zeile steht dann wieder nur 1 Wort. Das letzte Wort hat die größte Kraft. Aber Achtung: Es soll kein 11-Wort-Satz sein, den du über fünf Zeilen ziehst. In jeder Zeile sollte möglichst ein neuer Gedanke ansetzen. Das erfordert ein bisschen Übung. Aber dann geht dir das Elfchen ganz leicht von der Hand. Wenn du tiefer einsteigen möchtest in das Thema „Elfchen“, klicke hier.
Worte steigen auf

7. Tippe deinen Text ab

Wann immer du einen Text besonders magst, den du geschrieben hast: Archiviere ihn, indem du ihn abtippst. Dabei kannst du dein Werk – sofern überhaupt nötig – leicht überarbeiten. Am Ende versiehst du es mit Namen (deinem Vor- und Nachnamen), Datum und Ort. Jeder Text bekommt ein eigenes Blatt, ist also als separate Datei gespeichert. Peu á peu kommt da ganz schön was zusammen – du wirst staunen. Und wer weiß: Vielleicht ist es ja der Grundstock für deine Biografie?!

Tipps für den Schnellstart

3 Startsätze zur Wahl

Ich erinnere mich…

Da ist er: Der magischste Satz unter allen Textanfängen. Er öffnet Schleusen, lässt dich eintauchen in die Tiefen deiner eigenen Geschichte. Hier ein paar Ideen, wie der Satz weitergehen könnte:

  • Ich erinnere mich an den Tag als die Mauer fiel
  • Ich erinnere mich an meinen Großonkel Theobald
  • Ich erinnere mich an meine erste große Liebe, ich war damals 7.
Vor mir liegt…

Mit diesem Textanfang wagst du einen Blick in die Zukunft. Oder du nimmst es wörtlich und schaust mal, was vor dir auf dem Tisch liegt. In beiden Fällen startest du genau dort, wo du gerade bist. Ab da folgst du dem Fluss deiner Inspiration.

Wenn ich an X denke…
Für X kannst du einsetzen

  • einen Menschen
  • einen Ort
  • eine Jahreszeit
  • ein Ereignis

Hast du es gemerkt? In Wirklichkeit ist es nur eine Variante von „Ich erinnere mich…“ Aber manchmal hilft eben eine neue Formulierung, um dein Schreiben in Bewegung zu halten.

Schreibe in Ich-Form

Für den Start ist es klug, in Ich-Form zu scheiben. Es hilft deinem Unterbewusstsein, sich auch an weit zurückliegende Ereignisse zu erinnern. Denn sobald es ICH hört, ist es weit geöffnet und wird alles tun, um dich zu unterstützen. Weil du ihm am Herzen liegst.

Schreibe im Präsens

Mach den Test: Schreibe einen Text in der Vergangenheitsform: Ich ging… ich hörte… ich spielte… Jetzt änderst du alle Verben in die Gegenwartsform. Lies dir beide Texte laut vor. Welcher klingt lebendiger? Richtig: der im Präsens. Er nimmt uns unmittelbar mit hinein in dein damaliges Erleben.

3 Glaubenssätze, die du getrost vergessen darfst

1. Ich kann nicht schreiben.

Wäre es nicht eine spannende Herausforderung, dieses Statement (deines alten Deutschlehrers?) zu widerlegen, indem du es einfach mal ausprobierst mit all den hier genannten Tipps? Schreib mir gerne in die Kommentare, wie es dir ergangen ist.

2. Ich habe Angst vorm weißen Blatt.

Da hilft nur: loslegen und schreiben. Ehrlich! Und schon ist das Papier nicht mehr weiß. Und dann: weiterschreiben. Noch einen Satz. Und noch einen… Schreiben – ohne Pause, nicht denken, sondern schreiben. Du wirst sehen: So kommst du in den Fluss. Und deine Angst löst sich in Luft auf!

3. Meine Texte will doch keiner lesen.

Kann sein. Aber warum ist das wichtig? Erst einmal sollen deine Texte ja dir selbst gefallen. Und wenn du sie dann später mal einer guten Freundin schickst, oder besser noch vorliest, wirst du merken: Dein Schreiben kommt an! Denn:

Nichts lieben Menschen mehr

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