BÜCHER, DIE DIR WEITERHELFEN

wissenswertes.
überraschendes. berührendes.

Lesen. Lesen. Lesen.

So bekommst du ein Gefühl für die Worte, die du vielleicht selbst nicht formulieren konntest. In seinem Buch „Die entschlossene Generation“ überschreibt Joachim Süss ein Kapitel mit „Nebeljahre“. Das ist die Zeit, in der du dir bewusst wirst, dass irgendetwas mit dir (!?) nicht stimmt. Bevor du von den Kriegsenkeln gehört hast. Bevor du Bücher darüber gelesen hast.

Nebeljahre adé.

Sobald du die Berichte der anderen auf dich wirken lässt, lösen sich erste Nebelschwaden auf. Jedes Schicksal, von dem du liest, ist einzigartig und dennoch entdeckst du hier und da Gemeinsamkeiten. Du spürst die Verbindung. Und fühlst dich allein schon dadurch gestärkt.

Meine ganz persönliche Auswahl für dich.

Eine Auswahl aus den inzwischen unzähligen Büchern zum Thema Kriegsenkel.
Hinter jedem Titelbild habe ich eine Bezugsquelle verlinkt.

SPURENSUCHE

Schweigen, um zu überleben – reden, um weiterzuleben? Mit dieser Frage überschreibt Hilke Lorenz (geb. 1962) ihre Einleitung. 2003 greift sie einfühlsam ein Tabuthema auf, das eine ganze Generation geprägt hat.

Der Klassiker. Dieses Buch der Kölner Jounalistin Sabine Bode (geb. 1942, also selbst ein Kriegskind) hat 2004 großes Aufsehen erregt: Hier bekamen die Kriegskinder auf der Basis von zahlreichen Interviews eine persönliche Stimme.

Meine Lese-Empfehlung! Bei vielen ehemaligen Kriegskindern brechen durch die Bilder des Ukraine-Krieges alte Ängste auf. Oftmals reagieren die Betreuenden verständnislos. Dieses 2014 erschienene Buch klärt auf. 

Horst Thimm, Jahrgang 1931 hat seine eigene Geschichte. Und dennoch steht sie für Hunderttausende seiner Generation. Mich hat diese von seiner Tochter Katja liebevoll aufgezeichnete Lebensgeschichte sehr berührt.

KRIEGSENKEL*INNEN

Ein anspruchsvolles, gutes, umfangreiches (370 Seiten) Buch für den Einstieg. Hier kommen 22 Autor*innen zu Wort. Die meisten sind selber Kriegsenkel*innen. Viele von ihnen befassen sich beruflich als Therapeuten oder Journalisten mit dem Thema. Und haben auch bereits darüber publiziert. Also: Sehr fundiert! (2015)

Der ultimative Klassiker: Das zweite Buch von Sabine Bode, erstmals erschienen 2009, inzwischen in 29. Druckauflage. Mit dem Aufruf zum Gespräch zwischen den Generationen – solange es noch möglich ist.

Dieses ungewöhnlich umfassende Buch ist mein persönlicher Favorit. Der Theologe Joachim Süss stellt uns Kriegsenkel*innen in den historischen, gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Kontext. Und dennoch ist das Buch alles andere als nüchtern. (2017)

31 Kriegsenkel*innen kommen hier zu Wort mit ihren eigenen Gedichten und Texten: nachdenklich, traurig, wütend. In jedem Fall berührend. Mit wunderbaren Einleitungen von Heike Pfingsten-Kleefeld zu den acht Spurensuche-Kapiteln. (2018)

KRIEGSENKEL-BIOGRAFIEN

Die Kindheits- und Jugenderinnerungen der Schauspielerin Maria Bachmann (geb. 1964) lassen stilistisch gekonnt die sprachlosen Eltern-Kind-Gespräche ebenso lebendig werden wie die allzeit bereite Rute hinterm Ofen. Aber Maria wusste: da muss es mehr geben im Leben. Und sie zog aus, es zu finden.

Die Lebensumstände der ehemaligen Karatemeisterin (geb. 1970) und heutigen Schauspielerin wirken extrem: die psychisch kranke Mutter, Katharinas Vergewaltigung im Alter von 13 Jahren, die Zeit in der Klosterschule. Und trotzdem ist vieles typisch für die Generation Kriegsenkel. Mir gefällt sehr, dass es nie um Schuld, sondern immer ums Verstehen geht.

Besonders spannend, weil Matthias Lohres Eltern vordergründig gar nichts Schlimmes erlebt haben. Und dennoch zeigt er selbst (geb. 1976) alle Ausprägungen eines Kriegsenkels. Seine Spurensuche führt zu den Prägungen seiner Eltern durch Erziehungsmethoden und das gesellschaftliche Klima der NS-Zeit.

Das Buch zum Film hat mir fast noch besser gefallen als der Film selbst. Sebastian Heinzel (geb. 1979) träumt jahrzehntelang von  Kriegsszenen, ist darin selbst Soldat. Er dokumentiert seinen Weg bis zu den Schlachtfeldern, auf denen sein Großvater gekämpft hat. Ein ungewöhnliches und packendes Projekt. Hier geht’s zum Filmtrailer.

FLUCHT UND VERTREIBUNG

Für mich ist dieses schwergewichtige Werk (über 1 kg) das Buch schlechthin für alle, die in das Thema Flucht und Vertreibung tiefer einsteigen wollen. Die Kombination von Fotos, Zitaten, historischen Fakten und persönlichen Schicksalsberichten macht diesen Band des renommierten Historikers Guido Knopp so einzigartig. Die dazugehörigen Filme sind ebenfalls sehenswert.

Das Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich.

Zehn Erlebnisberichte, journalistisch aufbereitet von Hilke Lorenz, selber Kriegsenkelin (geb. 1962) und eine der zehn Berichterstatterinnen. Flucht und Vertreibung – jedes einzelne der geschilderten und bebilderten Schicksale erschüttert mich als Leserin. Und forderte die, die sie erlebt haben, heraus, in der neuen Heimat oder aber in der Heimatlosigkeit heimisch zu werden. Das Gedicht am Ende bewegt mich sehr: „Der alte Rucksack/…Ich packe ihn mir auf den Rücken/er ist leicht/nur noch gefüllt/mit Erzählungen./Trotzdem gehe ich/nicht aufrecht.“

Wie hat sich ein neunjähriger Junge auf dem 550 km langen Fluchtweg gefühlt? Die Journalistin und Osteuropa-Historikerin Christiane Hoffmann (geb. 1967) macht sich im Januar 2020 auf den gleichen Weg. Allein und zu Fuß. Um sich anzunähern an die Gefühle ihres Vaters – so gut dies eben noch geht, ein Menschenleben später. Ihre Art, Vergangenheit und Gegenwart, Politik und Gefühl zu verweben, haben mir unglaublich gut gefallen. Aber ihr Buch hat mich in Schwermut zurück gelassen.

Hier wird spürbar, wie sehr die unverarbeiteten Traumata unserer Eltern ihre Schatten auf uns werfen. Behutsam geht Jens Orback auf Spurensuche. Langsam beginnt seine Mutter, inzwischen über 70, zum ersten mal von dem zu sprechen, was wirklich geschah. Gemeinsam reisen sie an die Orte des Grauens. Dorthin, wo die Scham- und Schuldgefühle der Überlebenden ihren Ausgangspunkt hatten. Für mich ist dies eines der besten Bücher über das Tabuthema Vergewaltigung. Orbacks Liebe zu seiner Mutter, sein Mut zu fragen und ihr Mut, zu antworten, machten dieses Buch erst möglich. DANKE.

TRAUMA VERSTEHEN

Dami Charf war es, die mir vor Jahren die Augen geöffnet hat. In diesem Buch beschreibt die Traumatherapeutin auf ausgesprochen verständliche Weise, wie Entwicklungstrauma zustande kommt, welche Auswirkungen es haben und wie man ihm begegnen kann. Es geht dabei auch um jüngste neurowissenschaftliche Erkenntnisse, die ein ganz neues Licht auf das alte Thema Trauma werfen. Liest sich (für mich 😊) wie ein Krimi! 

Eigentlich muss man Verena König hören, nicht lesen. Denn ihre Sprechstimme gehört zu den sanftesten, die ich kenne. Ihr Podcast ist ebenfalls sehr empfehlenswert. In ihrem grafisch abwechslungsreich gestalteten und dadurch gut lesbaren Buch erfahren wir alles über Trauma, was wir als Kriegsenkel*innen wissen sollten.

Jeder Diktator bedient sich zur Machterhaltung des Eingriffs in die Kindererziehung. So auch Hitler. Dieses Sachbuch analysiert auf hervorragende Weise, wie in der Nazi-Erziehungs-Bibel die systematische  Zerstörung der Mutter-Kind-Bindung angeleitet wurde. Wer diese Erziehung „genossen“ hat, war automatisch bindungstraumatisiert. Unfassbarerweise wurde das nach dem Krieg lediglich leicht überarbeitete Buch „Die Mutter und ihr erstes Kind“ bis 1987 aufgelegt.

Zahlreiche Fallbeispiele verdeutlichen, wie auch größte Verstrickungen in einem Familiensystem immer der Balance des gesamten Systems dienen – und nicht dem Wohle des Einzelnen.

Die Psychologin Sandra Konrad hat über transgenerationale Traumaweitergabe promoviert. Diesem Themenkomplex widmet sie sich in ihrem Buch auch besonders ausführlich.